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Judith Brecht
Diplom-Übersetzerin (BDÜ)
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ÜbersetzerBlog

29. November 2012

Subjonctif und Subjuntivo

Wenn ich vom Deutschen in die Fremdsprache übersetze, stehe ich immer wieder vor der Frage: Subjonctif / Subjuntivo oder nicht? Deshalb habe ich hier einmal den Gebrauch des Subjonctif im Französischen sowie des Subjuntivo im Spanischen grob zusammengestellt. Die Zusammenstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, ich habe mich vor allem bei den Beispielen auf die wesentlichen Fälle beschränkt.

Subjonctif

Für den französischen Subjonctif habe ich im Wesentlichen die Systematik und auch die Beispiele aus meiner Lieblingsgrammatik verwendet: Jean-Paul Confais, „Grammaire explicative“, Hueber Verlag 1993, S. 54 – 82.

  • Der Subjonctif im Hauptsatz steht in Ausrufen, die einen Befehl oder einen Wunsch ausdrücken, z.B.: Que personne ne sorte! Dieu soit loué!
  • Ansonsten steht der Subjonctif in mit que eingeleiteten Nebensätzen oder in Relativsätzen
  • Nach Verben mit affektiver Modalität steht im que-Satz der Subjonctif. Solche Verben drücken ein wertendes Urteil, einen Willen oder einen Wunsch aus, z.B.: approuver/désapprouver que, regretter que, déplorer que, admirer que, s’indigner que, se plaindre que, être content/heureux /satisfait/triste que, se réjouir que, il me plaît que, il me déplaît que, être étonné/surpris que, s’étonner que, trouver étonnant/surprenant/compréhensible que, il est bon/mauvais/injuste/dommage que, c’est une honte/un malheur que; Verben, die nur dann einen que-Satz anschließen können, wenn das Subjekt des que-Satzes nicht mit dem des Hauptsatzes identisch ist: vouloir que, aimer (mieux) que, préférer que, détester que, désirer que, souhaiter que, avoir besoin/envie que, craindre que (ne) que, redouter que, avoir peur que, exiger que, tenir à ce que (in der Bedeutung „Wert darauf legen, dass“), supposer que (in der Bedeutung „voraussetzen, dass“), ordonner que, dire/écrire que (in der Bedeutung „bitten, befehlen, dass“), demander que (in der Bedeutung „bitten, dass“), proposer que, recommander que, défendre que, interdire que, refuser que, s’opposer à ce que, empêcher que, éviter que, faire en sorte que, veiller à ce que, faire attention que, permettre que, autoriser que, accepter que, consentir que, tolérer que, supporter que, admettre que (in der Bedeutung „akzeptieren, dass“), comprendre que (in der Bedeutung „Verständnis dafür haben, dass“), il est nécessaire/indispensable/urgent/important que, il faut que, il importe que, il convient que, il est temps que, il vaut mieux que, il serait bon que, il suffit que, il est à craindre que, envie/désir/souhait/crainte/peur/nécessité que …
  • Modalität des Verstandes: Der Indikativ steht, wenn der Inhalt des que-Satzes als sicher oder zumindest als wahrscheinlich (fast sicher) hingestellt wird. Der Subjonctif steht, wenn der Inhalt des que-Satzes als nicht sicher hingestellt wird, z.B.: il est vrait/certain/sûr/probable… qu’il fera beau demain. Il est faux/possible/impossible/je ne crois pas/il est douteux… qu’il ait dit la vérité. Verben und Ausdrücke, nach denen der Indikativ steht: penser que, croire que, estimer que, juger que, trouver que (Subjonctif nach trouver bon/juste… que), être sur/certain/convaincu/persuadé que, s’imaginer que, être d’avis que, avoir l’impression/le sentiment que, il me semble que, se douter que (in der Bedeutung „sich vorstellen, dass“), imaginer que, supposer que (in der Bedeutung „vermuten, dass“), présumer que (in der Bedeutung „vermuten, dass“), admettre que, espérer que …
  • Verneinung, Fragesatz, Bedingungssatz: Der Subjonctif steht, wenn diese Verben in einer Zeit der Gegenwart stehen, z.B.: je ne crois pas que, il ne me semble pas que, j’imagine mal que
  • Der Indikativ steht nach voir que, sentir que, entendre que, constater que, remarquer que, confirmer que, prouver que, faire savoir que, affirmer que, déclarer que, expliquer que, soutenir que, jurer que, promettre que … In verneinter Form ist der Subjonctif möglich, z.B.: Je n’ai pas remarqué qu’il ait maigri.
  • Subjonctif im Relativsatz: Wenn das Bezugswort und der Relativsatz als hypothetisch angesehen werden müssen, steht im Relativsatz der Subjonctif, z.B.: Je cherche un hôtel qui ne soit pas cher. Außerdem steht der Subjonctif nach superlativischen Ausdrücken, z.B.: Il est l’homme le plus charmant que je connaisse.
  • Subjonctif nach bestimmten Konjunktionen: Nach den temporalen Konjunktionen avant que (ne), jusqu’à ce que, en attendant que steht der Subjonctif. Der Indikativ steht nach quand, lorsque, comme, alors que, pendant que, tandis que, dès que, aussitôt que, depuis que, après que, jusqu’au moment où.
    Nach den kausalen Konjunktionen comme, puisque, étant donné que, parce que steht der Indikativ. Alle Konjunktionen, die einen Zweck ausdrücken, erfordern den Subjonctif, z.B.: afin que, pour que, de façon à ce que, de manière/sorte que. Werden diese Konjunktionen konsekutiv gebraucht, steht der Indikativ. Der Indikativ steht auch nach den hypothetischen Konjunktionen si und au cas où (Conditionnel). Der Subjonctif steht nach pourvu que, à condition que (ne). Nach den konzessiven Konjunktionen bien que, quoique, qui que … steht der Subjonctif.

 

Subjuntivo

Für die Zusammenstellung über den spanischen Subjuntivo habe ich kein Grammatikbuch verwendet, sondern meinen Mitschrieb aus Unizeiten.

  • Der Subjuntivo im Hauptsatz steht in Wunschsätzen, z.B. ¡Viva el rey!, an Stelle des Imperativs, z.B. ¡Tome Ud.!, ¡Dejémoslo! oder nach einer Negation, z.B. ¡No tengas miedo!.
  • Ansonsten steht der Subjuntivo in abhängigen Sätzen.
  • Subjuntivo nach Verben des Wünschens, Befehlens, Bittens, Verbotes, Erlaubens, Rates, Warnung, z.B.: querer, pedir, rogar, permitir, prohibir, exigir, mandar, admitir, preferir, aconsejar, advertir, proponer, recomendar …
  • Subjuntivo nach Verben, die starke innere Anteilnahme (Freude, Trauer, Ärger, Furcht, Hoffnung, Erstaunen, Dank…) ausdrücken, z.B.: siento que, alegrarse de, estar contento de, esperar, tener la esperanza de, preocupar, me sorprende/extraña/asombra que (in der Bedeutung „es erstaunt mich, dass“), estar sorprendido/extrañado/asombrado de, agradecer, molestar
  • Subjuntivo nach den Verben des Sagens und Denkens, wenn diese verneint gebraucht werden, z.B.: No creo que tenga razón. Yo no digo que él sea mala persona. No me parece que esté enfermo. Nach decir que und escribir que steht nur dann Subjuntivo, wenn ein Wunsch oder Befehl ausgedrückt werden soll. Handelt es sich um eine Mitteilung, steht der Indikativ.
  • Subjuntivo in Relativsätzen: wenn eine gewünschte Eigenschaft ausgedrückt wird (z.B. Busco una secretaria que sepa español.), wenn der übergeordnete Satz verneint ist oder etwas Negatives ausdrückt (z.B. No conocí a nadie que lo hiciera mejor.), wenn die Handlung des Relativsatzes ungewiss ist (z.B. Lo tendrá en su casa cuando quiera.), nach cualquier und quienquiera, wenn der Relativsatz einen verallgemeinernden Sinn hat (z.B. Cualquier día que tenga tiempo te visitaré.).
  • Subjuntivo nach unpersönlichen Ausdrücken der Stellungnahme (Rat, Empfehlung, Notwendigkeit…), z.B.: basta, conviene, es conveniente, importa, es importante, más vale, es mejor, es preciso, es menester, es necesario, es posible, puede (ser), es imposible, es lástima, es (in)útil, es fácil, es difícil, es (im)probable, es bueno, es dudoso, es justo, es natural, es hora (tiempo), hace falta …
  • Subjuntivo nach bestimmten Konjunktionen:
    • Konjunktionen, die stets Subjuntivo nach sich führen (z.B. para que, a fin de, con tal (de) que, (en) caso (de) que, a condición de que, a no ser que, a menos que, por miedo de que, sin que, antes (de) que, primero que)
    • Konjunktionen, die Subjuntivo nach sich führen, wenn die Handlung nur beabsichtigt oder noch nicht eingetreten ist (z.B. tanto … que, tan .. que, de modo que, de manera que, de suerte que, hasta que, después que, en tanto que, en cuanto, mientras, tan pronto como, así aque, luego que, siempre que, aunque, aun cuando, por mucho que, por más que, según (que), a medida que cuando)
    • Konjunktionen, die gewöhnlich Indikativ nach sich führen: pues (que), porque, puesto que, ya que, dado que, visto que, desde que, a pesar de que, si bien
    • Konjunktionen mit verschiedener Bedeutung:
      cuando
      : in der Bedeutung „jedesmal wenn“ (Zeitbestimmung) mit Indikativ (z.B. Cuando relampagueaba, la mujeres se santiguaban.), in der Bedeutung „zu dem Zeitpunkt, wenn“ mit Subjuntivo (z.B. Mi padre se alegrará mucho cuando lo sepa.), in der Bedeutung „wenn“   (allgemeingültige Behauptung) mit Indikativ (z.B. Cuando él lo dice, puedes creerlo.), in der Bedeutung „dann, wenn“ mit Subjuntivo (z.B. Cuando él lo diga podrás creerlo.).
      como
      : als Vergleich mit Indikativ (z.B. Pocas cosas son como parecen.), als Grund mit Indikativ (z.B. Como recibí tarde el aviso, no pude llegar a tiempo.), in der Bedeutung „sobald“ mit Indikativ (z.B. (Tan pronto) como llegamos al a posada, se dispuso la cena.), in der Bedeutung „wenn“ mit Subjuntivo (z.B. Como no lo digas, me enfado.)
      si
      : Zeitenfolge im Bedingungssatz (z.B. Si vuelves, te espero. Si hubieras vuelto, me habrías encontrado.).

21. Dezember 2010

Beglaubigte Übersetzung im medizinischen Bereich

Auch wenn ich nicht auf Übersetzungen aus dem Fachgebiet Medizin spezialisiert bin, so übersetze ich doch auch immer wieder juristische Texte mit medizinischem Fachvokabular. Zum einen handelt es sich natürlich um Termini zur Beschreibung von Krankheitsbildern, Diagnosen, Therapiemöglichkeiten usw., die in den entsprechenden Wörterbüchern oder auch z.B. über Wikipedia sehr gut nachgeschlagen werden können. Zum anderen sind dies häufig Begriffe aus der Organisation des Gesundheitswesens (in meinem Fall häufig von Frankreich), die in keinem Wörterbuch stehen und für die sich auch im Internet keine “fertigen” Übersetzungsvorschläge finden lassen. Dies ist natürlich die weitaus schwierigere und vor allem zeitaufwändigere Kategorie. Hier einige Beispiele von Termini aus dem französischen Gesundheitswesen, die ich kürzlich zu übersetzen hatte: Union pour la Gestion des Établissements des Caisses d’Assurance Maladie (UGECAM), Agence Régionale d’Hospitalisation (ARH), Schéma Régional d’Organisation Sanitaire (SROS), Établissement d’Hébergement pour Personnes Agéees Dépendantes (EHPAD) – die Liste ließe sich noch um einige Termini erweitern. Wie geht man in einer Übersetzung, die beglaubigt werden soll, mit solchen landestypischen Begriffen um? Ich übernehme die französische Originalformulierung in Kursivschrift und versehe sie mit einer Fußnote. Dort erkläre ich entweder kurz, um was für eine Einrichtung es sich handelt, oder ich übersetze den Terminus möglichst wörtlich. Ziel des Ganzen ist, dass sich der Adressat der Übersetzung (bei Versicherungsstreitsachen oft ein Gericht) selbst ein möglichst getreues Bild davon machen kann, was im Ausgangstext geschrieben steht. Der Übersetzer hat auch hier eine dokumentarische Funktion, er sollte nicht versuchen, z.B. deutsche Entsprechungen zu suchen. Bei den oben genannten Beispielen habe ich mich in meiner Übersetzung für folgende Fußnoten entschieden: Verband für die Verwaltung der Einrichtungen der Krankenkassen, Regionale Agentur für das Krankenhauswesen, Regionaler Gesundheitsplan, Einrichtung zur Unterbringung von älteren pflegebedürftigen Menschen. Einige sehr nützliche Informationen zum französischen Gesundheitssystem (z.B. Abkürzungsverzeichnis) finden sich auf der Website der LandesArbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung Saarland.

7. Dezember 2010

Übersetzung von deutschen Bachelor-Abschlüssen ins Französische

Zur Zeit erhalte ich recht häufig Bachelor-Abschlüsse, die an einer deutschen Hochschule/Universität erlangt wurden, zur Übersetzung ins Französische. Diese Dokumente sind ganz unterschiedlich gestaltet, es handelt sich zum Beispiel um Verleihungen des akademischen Grades (Bachelor of …), Notenspiegel der Abschlussprüfung im Bachelor-Studiengang oder Bachelor-Zeugnisse.

Da ich mein Studium lange vor Einführung von Bachelor, Master und Co. in Deutschland beendet habe, musste ich mich erst einmal inhaltlich mit den Umstrukturierungen befassen, die im Rahmen des Bologna-Prozesses stattgefunden haben: Aus der Überlegung heraus, einen einheitlichen Europäischen Hochschulraum zu schaffen, wurde im Jahr 1999 von 29 europäischen Bildungsministern in Bologna die (völkerrechtlich nicht bindende) Bologna-Erklärung unterzeichnet. Einige (auch übersetzungsrelevante) Eckpfeiler der Erklärung sind:

  • bessere Vergleichbarkeit von Abschlüssen, z.B. durch die Einführung eines gemeinsamen Diplomzusatzes
  • transparentes dreigliedriges System: Bachelor – Master – Doktor/PhD
  • bessere Vergleichbarkeit und Anrechenbarkeit von Leistungen durch die Einführung des European Credit Transfer System (ECTS)
  • Einteilung von Lehreinheiten in Module, um die konzentrierte Einarbeitung in ein Teilgebiet zu ermöglichen

Was bedeutet das Ganze nun für die Übersetzung der oben erwähnten Bachelor-Unterlagen ins Französische? Obwohl der Begriff Bachelor durch die “Europäisierung” der Hochschullandschaft in Frankreich selbstverständlich bekannt ist, besteht dennoch Verwechslungsgefahr mit dem baccalauréat, das etwa dem deutschen Abitur entspricht. Um eine solche Verwechslung zu vermeiden, habe ich mich entschieden, “Bachelor-Zeugnis” zwar mit Diplôme de Bachelor wiederzugeben, jedoch nicht ohne in einer Fußnote auf die Entsprechung mit der französischen Licence hinzuweisen. Beim Bachelor-Studiengang, der Bachelor-Arbeit und der Bachelor-Prüfung hingegen verzichte ich auf einen solchen Hinweis, da diese Begriffe den Ablauf des Studiums bzw. verschiedene Phasen (und nicht das Resultat) betreffen, und es ja eigentlich nicht Aufgabe des Übersetzers ist, Angleichungen vorzunehmen und Parallelen zu ziehen. So habe ich mich darauf beschränkt, den Bachelor-Studiengang mit cursus de Bachelor, die Bachelor-Prüfung mit examen de Bachelor und die Bachelor-Arbeit mit travail de Bachelor wiederzugeben – die zahlreichen Treffer in Google bestätigen zumindest, dass diese Formulierungen im französischen Sprachraum nicht unbekannt sind.

20. November 2010

Die Übersetzung französischer Gerichtsurteile

Unter www.tradulex.org ist neben anderen Informationen rund ums Übersetzen eine Sammlung von Aufsätzen zum Thema “Juristisches Übersetzen” zu finden. Ein meines Erachtens besonders lesenswerter Beitrag von Suzanne Ballansat – Juristin, Übersetzerin und Lehrbeauftragte an der Universität Genf – soll hier kurz vorgestellt werden. Er trägt den Titel “Attendu que – Französische Gerichtsurteile als Herausforderung für den Übersetzer”.

Zunächst einmal wird dargelegt, dass es für einen Richter im Wesentlichen zwei Möglichkeiten der Urteilsfindung gibt: die deduktive, in den Ländern des Civil Law vertretene Methode, nach der eine abstrakte Norm auf einen konkreten Fall angewandt wird, und die induktive, in den Ländern des Common Law vertretene Methode, bei der es sich um eine von früheren Fällen ausgehende empirische Lösungsfindung handelt. Obwohl Frankreich und Deutschland hiernach dem gleichen Rechtskreis der deduktiven Urteilsfindung angehören, bestehen zwischen den beiden Ländern doch erhebliche Unterschiede bezüglich des Stils, in dem ein Gerichtsurteil verfasst wird.

Generell stellt die Autorin des Aufsatzes fest – und jeder juristische Fachübersetzer wird das bestätigen können -, dass die in einem Gerichtsurteil verwendete Sprache durch eine strenge Syntax und einen hohen Anteil an Fachterminologie gekennzeichnet ist. Vor allem französische Gerichtsurteile zeichnen sich durch eine sehr abstrakte und unpersönliche Sprache aus.

Ist ein deutsches Gerichtsurteil grob gesagt gegliedert in Urteilsformel – Tatbestand – Entscheidungsgründe, so lässt sich die Gliederung eines französischen Gerichtsurteils genau umgekehrt darstellen: Nach dem Titel und den Leitsätzen folgen die Tatsachen, die Entscheidungsgründe/Erwägungen und erst zum Schluss kommt die Urteilsformel mit Tenor und Dispositiv.

Nach dem kurz umrissenen theoretischen Hintergrund kommt der für Französisch-Übersetzer eigentlich interessante Teil mit den typischen sprachlichen Merkmalen eines französischen Gerichtsurteils:

  • der phrase unique, die in den Erwägungen beginnt und deren Hauptverb erst im Dispositiv zu finden ist
  • der typischen Gliederung der Urteilsbegründung in Nebensätzen, die mit attendu que, considérant que oder vu eingeleitet werden
  • der Abschluss der Begründung mit par ces motifs
  • der Gliederung des eigentlichen Urteilstextes mit sur le moyen de

In der abschließenden Sinneinheit zeigt Suzanne Ballansat zwei mögliche Hauptzwecke auf, die die Übersetzung eines Gerichtsurteils haben kann. Zum einen kann sie lediglich zu Informationszwecken dienen, wenn z.B. ein ausländischer Rechtsanwalt die Übersetzung als Verständnishilfe benötigt. Der Übersetzer hat hier die Freiheit, seine Übersetzung wenn nötig den Bedürfnissen des Adressatenkreises anzupassen. Zum anderen kann die Übersetzung jedoch auch Entscheidungsgrundlage für Richter sein – in diesem Fall muss sich der Übersetzer um größtmögliche Äquivalenz bemühen, um die optimale Vergleichbarkeit von Ausgangs- und Zieltext zu gewährleisten. Hierzu ist es z.B. wichtig, Aufbau und Syntax des französischen Gerichtsurteils beizubehalten, ebenso die phrase unique, auch wenn die Lektüre der Übersetzung dadurch erschwert wird. Bezeichnungen für Gerichtsinstanzen, gesetzliche Erlasse usw. sind zu übernehmen, eine möglichst wörtliche Übersetzung oder ggf. eine Erläuterung sollte in einer Fußnote ergänzt werden.

25. Oktober 2010

Übersetzung eines französischen “Acte de notoriété”

Wenn man nach einer deutschen Übersetzung für den Begriff Acte de notoriété googelt, erhält man oft das Ergebnis Erbschein, der Vorschlag von Doucet/Fleck lautet (von einem Notar od. Richter nach Aussage mehrerer Personen ausgestellte) Offenkundigkeitsurkunde. Was genau ist ein Acte de notoriété?  Ganz allgemein betrachtet ist es eine Urkunde, die dem Beweis einer Tatsache dient, die mehreren Personen bekannt sein musste, also ein “Beweis vom Hörensagen” (preuve de commune renommée). Sie wird vor allem zur Bescheinigung der Erbfolge sowie der jeweiligen Anteile der Erben an der Erbmasse verwendet. Ersteller des Acte de notoriété sind entweder Notare oder der Urkundsbeamte der Geschäftsstelle des Tribunal d’Instance am Ort des letzten Wohnsitzes des Erblassers, da es in Frankreich außer in Elsass-Lothringen keine Nachlassgerichte gibt (die ja in Deutschland zum Beispiel für die Ausstellung eines Erbscheins zuständig sind). Als Grundlage für die Errichtung eines Acte de notoriété dienen dem Notar bzw. dem Urkundsbeamten insbesondere das Familienbuch sowie die Personenstandsurkunden der verschiedenen Anspruchsberechtigten. Obwohl die beiden Dokumente – Acte de notoriété in Frankreich und Erbschein in Deutschland – dieselbe Funktion haben, nämlich den Nachweis über die Erbeneigenschaft zu erbringen, übersetze ich Acte de notoriété auch in Erbangelegenheiten nicht mit “Erbschein”. Dies würde eine Gleichheit der Rechtssysteme suggerieren, die so doch nicht vorhanden ist. In der Regel entscheide ich mich für die Übersetzung mit “Offenkundigkeitsurkunde” und weise in einer Fußnote auf die funktionelle Ähnlichkeit mit dem deutschen Erbschein hin. Viele hilfreiche Informationen zum Erbrecht in Europa sind übrigens unter www.successions-europe.eu zu finden!

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